Jutta Ritz, mehrfache Gastmutter
Mein Sohn Stefan war 1995/96 als Austauschschüler in den USA, aber nicht mit AFS, davon hatte ich damals noch nichts gehört. Seitdem wollte ich auch immer einen Austauschschüler/in haben, aber mein Mann war dagegen. Nach der Scheidung versuchte ich zunächst vergeblich, das Haus unterzuvermieten und hatte dann irgendwann wieder die Idee mit Austauschschülern. Ich googelte ein bisschen und bin auf AFS gestoßen. Es war ganz einfach, den Gastfamilienbogen herunterzuladen und auszufüllen. Ich habe noch an einige andere Organisationen geschrieben, aber AFS hat sich am schnellsten gemeldet und war mir von Anfang an sympatisch.
Ich lebte damals allein mit meiner Patentochter Hiwot aus Äthiopien. Hiwot war 22 Jahre alt und erst ein Jahr vorher aus Äthiopien in Deutschland angekommen. Ihr erstes Jahr war für uns beide sehr schwierig, nicht nur wegen der Sprache, Mentalität, Religion, Hautfarbe und Kultur. Hiwot war in einer sehr traditionellen Familie aufgewachsen, in der Mädchen nicht gerade zur Selbständigkeit erzogen wurden.
Im Dezember 2004 habe ich mich entschlossen, jemand mit Winteranreise zu nehmen. Meine Kriterien waren damals: Mädchen, Nichtraucherin und Vegetarierin. Nach der Erfahrung mit Hiwot wollte ich auch gerne jemanden, der aus einem ähnlichen Kulturkreis kommt.
Amy aus Neuseeland schien alle Voraussetzungen zu erfüllen und ich habe mich schnell und aus dem Bauch heraus für sie entschieden. Sie sollte im Februar 2005 anreisen. Im Dezember fragte man mich noch, ob ich auch schon vorher jemanden nehmen wollte, der die Familie wechseln wollte. Es war kurz vor Weihnachten und ich dachte, damals noch, ich müßte dann so ein richtig deutsches Weihnachtsfest bieten... (Ich habe aber eine Weihnachtsallergie...)
Jedenfalls kam Amy im Februar an und ich freute mich sehr auf sie. Schon nach wenigen Monaten wußte ich, dass ich im kommenden Jahr auch wieder eine Schülerin nehmen wollte.
Im Mai brachte Marlene Treimer zu einem Treffen Vorschläge mit und ich entschied mich für Silvana aus den USA. Eigentlich wollte ich wegen Amy niemanden mit Muttersprache Englisch, aber Silvana war in Costa Rica geboren und sprach auch Spanisch, außerdem hatte sie schon 6 Jahre Deutsch gelernt, war ebenfalls Nichtraucherin und Vegetarierin, aber was den Ausschlag gab, war ein Brief ihres Vaters, der erwähnte, dass er lange als Entwicklungshelfer in Afrika gelebt hatte. (Mein Herz ist in Afrika...)
Silvana kam im September 2005 hier an und wir verstanden uns von Anfang an gut. Wir haben ähnliche Interessen, sie war auch im Gegensatz zu Amy wohlerzogen und hilfsbereit. Da sie schon sehr gut Deutsch konnte, dauerte es nur wenige Wochen, bis wir uns normal unterhalten konnten.
Amy ist im Januar 2006 wieder abgereist. Leider muss ich sagen, dass sie von allen Austauschschülern, die ich bisher hatte, diejenige war, die mir am wenigsten gefallen hatte. Es lag auch zum Teil an mir, ich habe oft nichts gesagt, was mir nicht gefallen hat oder viel zu spät. Heute weiß ich, dass ich so jemanden nicht mehr nehmen würde. Hiwot hat sich aber ziemlich gut mit Amy verstanden, deswegen kann es auch nur mein ganz privater Eindruck gewesen sein.
Nach Amy dauerte es aber nicht lange, bis das Haus wieder voll wurde. Hiwots Freundin Schachnozza aus Usbekistan zog bei uns ein. Sie war ein gestrandetes Aupair-Mädchen und lebte 10 Monate bei uns.
Uns allen tat unser internationaler Haushalt gut. Was mir besonders an der Sache gefällt ist, dass das Leben mit jungen Menschen unterschiedlichster Kulturen mich so richtig aufgemöbelt hat. Wenn man so im Alltagstrott lebt, schleichen sich doch immer Regeln und Rituale ein, gegen die die Austauschschüler erfolgreich anschießen. Ich bin jedenfalls viel lockerer geworden als noch vor einigen Jahren. Ich habe uns auch oft als Familien-WG bezeichnet...
Silvana und ich haben viele Wochenendausflüge und Kurztrips zu Bekannten und Verwandten unternommen und sie hat während ihres Austauschjahres viel gesehen. Wir hatten uns aber auch wirklich viel zu sagen.
Im Juli 2006 ist sie wieder nach Hause zurückgefahren, aber ich freue mich sehr, dass sie uns seitdem schon zweimal besucht hat.
Schachnozza musste im Oktober 2006 nach Usbekistan zurück, ihr Visum konnte nicht verlängert werden.
Im November wurde ich 50 und reiste nach Sardinien. Es hat mir dort sehr gut gefallen und vielleicht war es auch deswegen, dass ich Stefano aus Italien im Dezember aufnahm. Zuerst nur vorübergehend über die Weihnachtsferien, aber er blieb dann 7 Monate... und ich habe 7 Monate im Wohnzimmer auf dem Sofa geschlafen...
Im Jahr 2006 war es mir egal, ob der Austauschschüler ein deutsches Weihnachtsfest erwartete oder nicht....
Stefano und ich verstanden uns auch sehr gut, obwohl er kein Mädchen war, auch kein Nichtraucher und erst recht kein Vegetarier. Soviel zu meinen Kriterien... Jedenfalls habe ich gelernt, dass es egal ist, entweder passt es oder nicht.
Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mit einem Jungen so gut zurecht käme. Stefano war auch sehr interessiert an allem und wir führten viele gute Gespräche und natürlich reisten wir auch ein bisschen herum. Stefano fuhr im Juli 2007 wieder nach Italien und ich habe ihn bis jetzt 3 mal besucht, was aber auch daran lag, dass es "nur" 600 km sind...
Danach war ich ein Jahr ohne...
Hiwot habe ich in diesem Jahr aber auch kaum gesehen. Sie hat fürs Examen gepaukt und sich für ihren Freund interessiert. Aber wenigstens hatte ich im Februar 2008 für 2 Wochen Martha aus Italien als Midstay Schülerin. Wir verstanden uns auch gut und ich schlief wieder auf dem Sofa.
Letzten Sommer erhielt ich ein Email, in dem noch dringend Gastfamilien gesucht wurden. Ich schrieb damals, dass ich keinen Platz hätte, aber für 4 Wochen... Es war mir auch egal, wer kam und sie schickten mir Karlas Profil. Ich war mir sicher, dass wir für 4 Wochen miteinander klar kämen.
Als Karla ankam, war ich schwer im Stress mit anderen Projekten. Auch musste ich schon eine Woche später für einige Tage nach Hamburg fahren, aber meine Freunde erklärten sich bereit, Karla solange aufzunehmen.
Schon nach drei Tagen bot mir Karla an, die Wohnung zu putzen, da ich nicht wußte, wie ich alles gebacken kriegen sollte. Danach hatte sie einen ganz großen Stein im Brett.
Beim ersten Gastelterntreffen sagte ich, ich hätte gedacht, nach Stefano gäbe es keine Steigerung, aber es geht immer noch besser.
Im Oktober ist Hiwot ausgezogen und Karla zog in Hiwots Zimmer im Keller. Sie ist wirklich ganz einzigartig. Sehr hilfsbereit und zuvorkommend. Man muss sich keine Sorgen machen, dass sie über die Stränge schlägt, wie manchmal Stefano... Sie hat in kürzester Zeit Deutsch gelernt und wir verbringen viel Zeit miteinander. Gereist sind wir auch ein bisschen. Nach 1 Monat waren wir bei einem Familientreffen im Westerwald, in Strassburg, Heidelberg, Köln, Dresden, im Allgäu, in der Schweiz und in Italien. Dort haben wir Karlas Klassenkamerad besucht, der einen Austausch in Italien macht. Seine Gasteltern sind auch ganz liebe Leute, die schon mehrere Austauschschüler hatten.
Karla hat auch sehr engen Kontakt zu den anderen Austauschschülern, mehr als die anderen vor ihr. Dadurch kommen auch viele Leute zu uns. Im Moment ist Karla zusammen mit ihrer Freundin Sylwia für einige Tage in Konstanz bei ihrer Midstayfamilie.
Das Jahr ging vorüber wie ein Augenblick. Nur noch wenige Wochen... aber die Reise nach Polen habe ich schon fest geplant.
Bericht geschrieben von Jutta Ritz im Juni 2009. Karla wird in ca. einem Monat die Heimreise nach Polen antreten und freut sich sicher schon auf den Besuch ihrer Gastmutter Jutta.

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